Im Juni 2024 veröffentlichte ein damals 22-jähriger Deutscher einen Aufsatz, der im Silicon Valley einschlug wie kaum eine Publikation zuvor. Leopold Aschenbrenner, in Berlin aufgewachsen, mit 15 Jahren Abitur, mit 19 Jahren Jahrgangsbester an der Columbia University und anschließend Forscher beim ChatGPT-Entwickler OpenAI, prognostizierte in seinem 165 Seiten langen Essay „Situational Awareness“ nichts Geringeres als die Entwicklung einer künstlichen Intelligenz auf menschlichem Niveau noch in diesem Jahrzehnt, verbunden mit einem Investitionsboom in Rechenzentren, Chips und Stromnetze von historischem Ausmaß. Doch er beließ es nicht beim Schreiben – nein, noch im selben Jahr gründete er einen Hedgefonds, der den Namen seines Essays trug und konsequent auf die Profiteure des KI-Booms setzte. Der Erfolg bzw. die Performance seines Hedgefonds schien ihm recht zu geben. Das Fondsvermögen verfünffachte sich im ersten Halbjahr 2026 auf mehr als 20 Milliarden US-Dollar und wies, seit Gründung von „Situational Awareness“ nur zwei Jahre zuvor, eine Rendite von mehr als 1500 Prozent aus. Wie die Financial Times schrieb, taufte die Wall Street den jungen Mann den „KI-Nostradamus“.
Wenige Quartale reichten für den Legendenstatus
Der Juli des Jahres 2026 zeigte, wie fragil diese bis dahin noch immer kurze Geschichte war. Als die Kurse von Halbleiteraktien, in denen der Fonds massiv investiert war, auf Talfahrt gingen, geriet das Konstrukt ins Wanken. Denn Aschenbrenner hatte nicht nur konzentriert investiert, sondern auch kräftig gehebelt. Auf jeden Dollar Eigenkapital kamen rund vier Dollar geliehenes Geld. Zusätzlich hatte er auf fallende Kurse bei Softwareaktien gesetzt, die sich ausgerechnet in dieser Phase erholten. Das heißt: Sowohl die Long-Positionen als auch die Short-Positionen des Portfolios verloren. Die kreditgebenden Banken forderten zusätzliche Sicherheiten und die konnte der Fonds nicht mehr liefern. In einer einzigen Nacht Ende Juli musste Aschenbrenner den Großteil seiner börsennotierten Positionen mit Abschlag verkaufen, eine der größten und schnellsten Notveräußerungen in der Geschichte der Wall Street. Branchenveteran Ken Griffin entpuppte sich als Retter und übernahm mit seiner Firma Citadel (ebenfalls ein Hedgefonds) das gesamte Aktienportfolio von Situational Awareness. Wie viel genau davon noch übrig ist, was Griffin dafür bezahlt hat und wie groß die Verluste von Aschenbrenners Investoren am Ende sind, ist nicht bekannt. Aber es wird gemunkelt, dass rund zwei Drittel des Fondsvermögens binnen eines Monats ausgelöscht wurden.
Das Lagebewusstsein ist etwas sehr Wichtiges
Die eigentliche Pointe dieser Geschichte steckt im Namen. „Situational Awareness“ (auf Deutsch: „Lagebewusstsein“) kommt aus der Luftfahrt und bezeichnet die Fähigkeit eines Piloten, jederzeit zu wissen, wo er sich befindet, was um ihn herum geschieht und was als Nächstes passieren dürfte.
Übertragen auf den Kapitalmarkt kann man sagen, dass für Anleger das Lagebewusstsein zwei wesentliche Blickrichtungen hat:
→ Der Blick nach außen gilt der Frage, in welcher Verfassung sich Konjunktur und Märkte befinden.
→ Der Blick nach innen gilt der Frage, ob das eigene Portfolio zur äußeren Lage und zu den persönlichen Risiko- und Renditezielen passt.
Die Konsolidierung, die im Juli am Aktienmarkt zu beobachten war, hat vor allem jene Werte getroffen, in denen nach der starken Entwicklung der vorherigen Monate der höchste Optimismus steckte und schon viel der künftigen Entwicklung vorweggenommen war. Das ist der typische Verlauf einer Konsolidierung: Nicht die Geschäftsmodelle werden in Frage gestellt, sondern der Preis, den man kurzfristig dafür zu zahlen bereit ist. Doch solange die operativen Gewinne weiter wachsen und die Bewertungen sich in vertretbaren Größenordnungen bewegen, baut eine solche Phase zwar überzogene Erwartungen ab, stellt aber den zugrunde liegenden Aufwärtstrend nicht infrage. Sinnbildlich hierfür steht folgende Grafik, welche die Entwicklung der Gewinne (Earnings – in gelber Linie) mit der Entwicklung des Aktienkurses (Price – in blauer Linie) vergleicht. In der linken Grafik ist Cisco Systems im Zeitraum 01/97 bis 12/02 zu sehen – also während dem Zusammenbruch der sogenannten „Tech-Bubble“ und in der rechen Grafik ist NVIDIA mit dem Zeitraum 01/20 bis 05/26 abgebildet:

Gut zu sehen: Die fundamentale Entwicklung muss mit der Kursentwicklung irgendwie im Einklang stehen. Dann erlebt man Konsolidierungen – und der Aktienkurs bewegt sich nach gewisser Zeit wieder in den langfristigen Aufwärtstrend zurück – wie bei NVIDIA. Wichtig: Der Fall Aschenbrenner sagt wenig über die Lage des KI-Marktes aus, sondern er beschreibt die Lage eines einzelnen Portfolios, welches einer Sektor-Konsolidierung nicht standhalten konnte. Denn der Fonds war eine konzentrierte, gehebelte Wette auf einen einzigen Sektor. Das mag die erklärte Anlageidee dieses Hedgefonds gewesen sein. Und sicher waren sich professionelle Investoren dessen auch bewusst. Nur sollte niemand diese Konstruktion mit einer langfristigen Anlagestrategie verwechseln.
Unser Fazit
Für langfristig orientierte Anleger bleibt entscheidend, die eigene Risikotragfähigkeit und den Anlagehorizont im Blick zu behalten. Beides gleicht man regelmäßig mit dem Lagebewusstsein ab (siehe oben). Und am Ende stellt man sich die entscheidende Frage: Kann das eigene Portfolio sowohl in der Welt bestehen, in der man recht behält, als auch in einer, in der man irrt?
Quellen: n.tv, DZ Bank AG, UBS