Ist der angedachte US-Protektionismus der „goldene“ Weg?

Donald Trump hält die Welt mit seiner Zollpolitik seit Wochen in Atem. Am 09.07.25 läuft die „Verhandlungsphase“ der reziproken Zölle aus, mit deren Verkündung der US-Präsident am 02.04.25 den Freihandel schockte. Vieles wirkt wirr und willkürlich. Doch hinter den Zollsätzen steht eine ökonomische Denkrichtung – der Protektionismus. Dieser bricht mit der bisherigen westlichen Freihandelsphilosophie. Wir möchten nachfolgend diesen Ansatz kurz und prägnant beleuchten:

 

Warum funktioniert die bisherige Freihandelspolitik aus Sicht der US-Regierung nicht?

Der Freihandel, also ein Warenverkehr ohne Schlagbaum und Zoll, fasziniert die Welt – auch aus politischen Gründen. Die Theorie des Ökonomen David Ricardo handelt vom Nutzen des Freihandels für alle Nationen und lieferte 1947 die Grundlage zur Gründung des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen (GATT) bzw. Mitte der Neunziger der Gründung der World Trade Organisation (WTO). Freihandel, so der Gedanke nach zwei Weltkriegen, ist ein anderes Wort für Frieden. Ein Ansatz, welchen die deutsche Bundeskanzlerin a.D. Angela Merkel gegenüber dem russischen Präsidenten Putin zum Beispiel durch „Nord Stream I“ und „Nord Stream II“ ebenfalls angewandt hat.

Der Aufstieg China´s

Doch Ricardos Annahme, bedingt durch Geografie und Klima würde sich eine Arbeitsteilung herausbilden, die allen nutzt, funktionierte nicht auf Dauer.  Amerika und China lieferten sich einen Systemwettbewerb. Es macht eben einen Unterschied, ob Arbeiter mit sozialen Rechten ausgestattet oder ausgebeutet werden. In den heutigen Handelsbeziehungen gibt es, anders als von Ricardo vermutet, kein „Level Playing Field“, sondern einen Unterbietungswettlauf. Wer produziert schnell, günstiger, in den größten Mengen? Der größte Exporteur der Welt (die USA) wurde so zum größten Importeur und ein ehemaliges Entwicklungsland (China) stieg zur Wirtschafts-Weltmacht auf. Der Verdacht des US-Präsidenten: Der Freihandel fördert nicht den Frieden, sondern den Abstieg der USA.

Ein Blick auf aktuelle Zahlen

Das gesamte Leistungsbilanzdefizit der USA, also Waren und Dienstleistungen, erreichte im März 2025 einen negativen Rekordwert von 140,5 Milliarden US-Dollar. Gegenüber der 2010er-Jahre hat sich das Defizit damit etwa verdreifacht. Aber: Bei Dienstleistungen, worunter insbesondere die großen Plattformen von Meta, Google und Co. fallen, ergibt sich ein Handelsbilanzüberschuss in Höhe von 232,2 Milliarden US-Dollar. Das „moderne“Amerika ist also ein großer Exporteur. Ein Blick auf die Zölle offenbart, dass die Zolleinnahmen der USA in 2024 rund 100 Milliarden US-Dollar betrugen. In diesem Jahr wurden bis Ende April 67,9 Milliarden US-Dollar durch Zölle eingenommen, das sind rund 77,6 Prozent mehr als zum gleichen Zeitpunkt des vergangenen Jahres. Allerdings ist dies nur ein kleiner Teil gemessen an allen Einnahmen des Staates, denn so betrug z.B. die US-Einkommensteuer im Jahr 2024 rund 2,4 Billionen US-Dollar. Dies macht deutlich, dass der Plan des IS-Präsidenten, das Leistungsbilanzdefizit mit Zöllen auszugleichen, sich so nicht umsetzen lässt.

Das „praktische“ Problem des Protektionismus

Am Aktienmarkt befasst man sich mit den betriebswirtschaftlichen Folgen einer im Wesentlichen politischen Agenda von Präsident Trump. Was auf der politischen Ebene eingängig scheint, sorgt betriebswirtschaftlich für Verwirrung. Bei Ford, Apple oder Nvidia stehen Produkte im Schaufenster, die in ihrer Fertigungsstruktur nicht nur aus einem Land stammen. Die Lieferketten sind im Zeitalter der Globalisierung systemübergreifend und weltweit gespannt. Der Importanteil vieler US-Produkte ist hoch, man schätzt beispielsweise dass 25 Prozent eines Fords „Made in America“ aus dem Ausland stammen. Prof. Hans-Werner Sinn spricht daher auch von einer „Basarökonomie“, in der Produkte aus Einzelteilen zusammengebaut werden, die aus vielen Herkunftsländern kommen. Derartige Lieferketten umzubauen (sofern dies überhaupt geht), kostet Geld und Zeit, ist durch Ressourcen (Mensch und Rohstoffe) begrenzt und hat daher nur begrenzte Aussicht auf Erfolg. Der von den USA angedachte Protektionismus beschreibt das Problem, aber nicht die Lösung. Und allen Ungleichgewichten zum Trotz hat sich für alle, die nach Wohlstand streben, noch keine Alternative zum Freihandel bewährt oder bewiesen. Abschließend stellt sich die Frage, weshalb der (US-)Aktienmarkt nach dem Schock so schnell zur Normalität überging und nun wieder auf dem Niveau bzw. sogar etwas höher als vor dem 02.04.25 notiert:

Quelle: DZ Bank AG / infront

 

Die Antwort lautet: TACO – Trump Always Chickens Out. Dieses Akronym beschreibt die inzwischen vorherrschende Meinung an der Wall Street: Die US-Regierung ist nicht sehr tolerant gegenüber Markt- und Wirtschaftsdruck und wird sich schnell zurückziehen, sobald Zölle Schmerzen bei Unternehmen verursachen. Das ist also die Taco-Theorie: Trump schreckt letztenendes immer zurück. Warten wir ab, ob sich am bzw. nach dem 09.07.25 diese Theorie bestätigt.

 

Quellen: The Pioneer, DZ Bank AG, Union Investment, www.eu.usatoday.com

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