Die Zeiten von China als vorgelagerte „Werkbank der Welt“ sind lange vorbei. Inzwischen kommen immer mehr komplexe Produkte aus dem Reich der Mitte – auch nach Europa. Und gerade dort werden es immer mehr. Zum einen, weil China in den vergangenen Jahren staatlich gestützt erhebliche Überkapazitäten aufgebaut hat, die nun die globalen Märkte „überschwemmen“. Zum anderen, weil China aufgrund der hohen Zölle immer weniger Waren in den USA absetzen kann. In Zahlen: In der gesamten Europäischen Union (EU) beläuft sich das Handelsdefizit mit China bei Gütern auf rund 360 Mrd. Euro. Besorgniserregend ist insbesondere der Trend: 2015 lag das Defizit noch bei lediglich 150 Mrd. Euro.
Die EU-Politik griff erstmals ein
In der jüngeren Vergangenheit konzentrierte sich der Importdruck aus China hierzulande noch auf Produktgruppen, in denen China bereits eine dominante Rolle spielte – und bei denen die Herstellungskosten in China kaum schlagbar sind: Möbel, Haushaltsgeräte und Bekleidung. Nur wenige europäische Unternehmen sind noch in diesen margenarmen Segmenten aktiv. Zum Problem wird es jedoch dort, wo der Wettbewerb mit unfairen Mitteln ausgetragen wird. Etwa in Bereichen des Maschinen- und Fahrzeugbaus sowie der chemischen Industrie, wo China teils mit hohen Subventionen eingreift. Die europäische Politik reagiert auf diese „Angriffe“ auf EU-Konzerne – und das mit neuer Härte. Mitte April 2026 einigte sich die EU etwa auf deutlich verschärfte Einfuhrbeschränkungen und höhere Zollaufschläge für Stahlimporte. Das Ziel: Europäische Konzerne wie ArcelorMittal insbesondere vor chinesischem Preisdumping zu schützen.
Es leidet auch der Export nach China
Doch nicht nur Chinas Exporte nach Europa sorgen für das massiv gestiegene Handelsdefizit. Europas Unternehmen fällt es auch immer schwerer, ihre Waren in China abzusetzen. Seit dem Hoch 2022 sind die EU-Exporte nach China um fast 14 Prozent zurückgegangen. Der Hauptgrund: China ersetzt immer mehr importierte Produkte durch heimische. Klassisches Beispiel hierfür ist die Automobilindustrie. Gerade die deutschen Hersteller, die in den 2010er Jahren noch zu den Profiteuren zählten, stehen heute durch chinesische Hersteller massiv unter Druck. Auch bei Flugzeugen gab es in den vergangenen Jahren einen starken Einbruch bei EU-Exporten nach China. Zudem sorgt die Dauerschwäche am chinesischen Immobilienmarkt dafür, dass bei baunahen Produkten die Nachfrage ausbleibt – womit auch das margenstarke Service-Geschäft leidet. In der Hochphase des Bau-Booms waren besonders europäische Anlagen, von Rolltreppen bis zum Lift, in China gefragt.
Die chinesische „Seidenstraße“ zeigt Wirkung
China ist und bleibt für die EU ein zentraler Handelspartner außerhalb des Staatenbundes: 22 Prozent der Importe beziehungsweise acht Prozent der Exporte der EU entfallen auf das Reich der Mitte. Doch jenseits der großen vier Absatzmärkte der EU-Länder (China, die USA, das Vereinigte Königreich und die Schweiz) gehen knapp die Hälfte der Exporte in andere Drittländer. Und auch auf diesen Märkten nimmt der Druck durch Chinas Konkurrenz zu. Ein Grund: Die wachsende Bedeutung von Schwellenländern, wie die Wichtigkeit der Türkei (Platz 5 der Export-Länder), Mexikos (9), der Vereinigten Arabischen Emirate (10) und Indiens (11) zeigen. Gerade diese Länder umgarnt allerdings auch China bereits seit Jahren. Die Belt and Road Initiative ist dabei die populärste Strategie, Schwellen- und Entwicklungsländer an China zu binden. Eine Analyse von Union Investment zeigt, dass China seinen Marktanteil in wichtigen Schwellenländern wie Argentinien, Brasilien, Chile, Indien, Indonesien, Marokko, Malaysia, Philippinen, Südafrika, Saudi-Arabien, Singapur, Thailand, Türkei seit 2018 um fast sechs Prozentpunkte auf 22 Prozent steigern konnte. Der Anteil der EU ging im selben Zeitraum von 15 auf 12 Prozent zurück.
Die neuen Freihandelsabkommen werden nicht ausreichen
Ein aktuelles Beispiel zeigt sich in Brasilien, wo in der jüngsten Vergangenheit chinesische Unternehmen staatliche Ausschreibungen bei Zügen und Lokomotiven gewonnen und sich dabei gegen europäische Wettbewerber wie die französische Alstom durchgesetzt haben. Um diesem gestiegenen Wettbewerb zu begegnen, setzt die EU vor allem auf die Politik. Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten (Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay) und Indien sollen Handelsbarrieren abbauen, den Marktzugang für europäische Unternehmen erleichtern und damit auch den Warenaustausch insgesamt ankurbeln. Allerdings können diese Abkommen mit Blick auf den geringeren Handelsumfang die negativen Effekte durch Chinas Wettbewerbsdruck, aber etwa auch die Zoll-Streitigkeiten mit den USA nicht vollständig kompensieren.
Lösungsansätze
Leider ist Deutschland der Hauptleidtragende – und zwar auf dem Heimatmarkt, in China und in Drittländern. Schätzungen zufolge könnte künftig das deutsche Wachstum allein durch die Marktanteilsverluste auf Drittmärkten um fast 0,2 Prozentpunkte pro Jahr belastet werden. Nur geringfügig weniger wäre es in Italien, wo die Automobilindustrie eine ähnlich wichtige Rolle wie in Deutschland spielt. Helfen könnte dreierlei: Erstens sorgen die verschiedenen europäischen Fiskalpakete für eine gewisse Sonderkonjunktur einzelner europäischer Sektoren wie etwa Bau, Verkehr und Technologie. Zweitens wirkt die in Teilen schärfere europäische Wettbewerbspolitik. Das Beispiel Stahlinitiative zeigt, dass ein gewisser Wettbewerbsschutz vor chinesischen Dumpingpreisen auch an der Börse goutiert wird. Und drittens gilt es, auf bestehenden Erfolgen aufzusetzen und die Innovationsfähigkeit der europäischen Unternehmen gezielt zu fördern. Viele innovative Unternehmen können Marktanteile auch in China halten oder sogar ausbauen. Dies muss das Vorbild und das Ziel für Europa sein.
Quelle: Union Investment: Handel mit China – Europa unter Dreifach-Druck, erschienen Mai 2026